DAS ÖSTERREICH

Kinderlächeln und Tulpenklau

Auch wenn nahezu alle den Frühlingsbeginn freudig begrüßen, so gibt es selbst dazu unterschiedliche Sichtweisen. Lesen Sie die verschiedenen "Ansichten" unserer beiden Autoren:

Sie: Böses Frühlingserwachen oder „Wer hat meine Tulpen geklaut“?

Nach einem scheinbar endlos langen Winter locken die ersten Farbtupfer hinaus in den Garten. Ich bin schon gespannt, wie sich meine Tulpen heuer entwickelt haben! Immerhin haben sie letzten November Zuwachs aus Holland bekommen, damit sollte es ja dieses Jahr eine besondere Blütenpracht geben.

Doch nachdem sich meine Augen an den strahlenden Sonnenschein gewöhnt haben, der Schock: Mehr als die Hälfte der gerade erst erblühten Tulpen wurde offensichtlich brutal ausgerissen, die Blütenblätter drumherum wurden zertrampelt!

Als ehemaliges Pfadfinderwichtel erkenne ich an den Fußspuren sofort: Da waren wieder die Nachbarsbuben am Werk!

Dabei habe ich den Nachbarn schon hundertmal erklärt, dass ich es nicht dulde, wenn ihre Rabauken einfach über den Gartenzaun klettern und sich in meinem Garten selbst bedienen. Sogar auf den Kirschbaum sind sie letzten Sommer schon geklettert, haben körbeweise Kirschen gepflückt und klammheimlich abtransportiert. Nicht auszudenken, wenn dabei etwas passiert wäre! Am Ende muss ich noch bezahlen, weil sich einer dieser Lausbuben den Fuß gebrochen hat!

Auch alle Himbeeren, die über den Zaun gewachsen sind, haben sich die „Gfraster“ letzten Sommer einfach einverleibt. Die glauben wohl, ich hege und pflege meinen Garten nur für sie.

Ich werde mich jetzt jedenfalls auf den Weg zum Nachbarhaus machen und diesen Leuten ordentlich die Meinung sagen. Für meine Tulpen erwarte ich mir eine gesalzene Entschädigung, echte holländische Tulpen sind schließlich nicht billig!

Er: Wer kann schon einem Kinderlächeln wiederstehen?

Endlich ist es soweit. Die ersten Blumen sprießen, die Sonne wärmt die alten Steinmauern im Weingarten und die endlich enthaubten Häupter.

Wen wundert es, dass die Kinder jede Gelegenheit nutzen, um nach einem schier endlosen Winter ins warme Freie zu gelangen, um unter Pfirsich- und Marillenblüten herumzutollen?

Und ja, es wird mir warm ums Herz, wenn die lieben Kleinen mit einem kleinen floralen Gruß wieder zurück ins Haus stürmen. Klar ist, dass größere Blumen wie Märzenbecher und Tulpen eine geradezu magische Anziehung auf Kinder ausüben. Offensichtlich umso stärker je kleiner die Sprösslinge sind.

Aber wer sollte so grausam sein und solch ein Präsent der Liebe an Mama und Papa verurteilen können?

Außerdem, diese Pflanzen wachsen ja praktisch überall. Zugegeben, hin und wieder werden schon ein paar Blumen der Nachbarn daran glauben müssen. Aber sicher nur wenige. Man erzieht ja seine Kinder ordentlich und betont gebetsmühlenartig, dass bestimmte Blüten im Garten besser aussehen als am heimatlichen Esstisch. Vor allem jene der nächsten Nachbarn.

Aber gut, die beschweren sich ja ohnedies immer und bei noch so belanglosen Dingen. Scheinbar ist es besser, überreife Himbeeren endgültig am Strauch verfaulen zu lassen als sie genussvoll in gierige Kindermünder verschwinden zu sehen. Vermutlich gab es in der Wochenillustrierten ihres Vertrauens einen Tipp, dass Verfaulen das Wachstum fördern würde.

Keinesfalls aber kann ich mir vorstellen, dass sich tatsächlich Kinderhände letztes Jahr an den verwurmten Kirschen zu schaffen gemacht hätten. Da tippe ich doch sehr stark auf die ruchlosen Räuber der Lüfte.

Das ist aber nett, Hannah hat mir gerade ein paar frische Himbeeren an den Computer gebracht. Aber unsere sind doch noch gar nicht reif ….

 

So sieht die Rechtslage aus:

Tulpendiebstahl

Strafrecht: Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen mit dem Vorsatz wegnimmt, sich oder einen Dritten durch deren Zueignung unrechtmäßig zu bereichern, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen (§ 127 Strafgesetzbuch).

Dieser Tatbestand wird aber in solchen Fällen insbesondere bei Kindern nicht greifen. Allenfalls käme § 141 StGB zur Anwendung (Entwendung). Sogenannte Bodenerzeugnisse und Bodenbestandteile geringen Wertes (Baumfrüchte, Waldprodukte, Klaubholz…) können ohne strafrechtliche Konsequenzen angeeignet werden.

Darüber hinaus sind Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres strafunmündig und können strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Zivilrecht: Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) ist geregelt, wer wann für welche Schäden haftet. Ein Schadenersatzanspruch setzt voraus:

  • einen (nachweisbarer) Schaden,
  • das Verschulden des Schädigers,
  • die Verursachung des Schadens durch den Schädiger und
  • die Rechtswidrigkeit des schädigenden Verhaltens.

Darüber hinaus gibt es beispielsweise im Verkehrsrecht auch die sogenannte Gefährdungshaftung, die allein durch die besondere Gefährlichkeit der Sache (z.B.: Kraftfahrzeug) ausgelöst wird.

Auch im Bereich des Schadenersatzrechtes gelten Jugendliche erst ab der Vollendung des 14. Lebensjahres als deliktsfähig, Kinder unter 7 Jahren haften nie für ihre Handlungen (Details siehe hier). Verletzen Eltern allerdings ihre Aufsichtspflichten, haften sie für die durch ihre deliktsunfähigen Kinder verursachten Schäden. Jugendliche zwischen 7 Jahren und 14 Jahren können in Ausnahmefällen zur Haftung herangezogen werden – speziell dann, wenn eine Haftpflichtversicherung besteht. Ausführliche Erläuterungen rund um das Thema Aufsichtspflicht und Haftung von Minderjährigen finden Sie in diesem Artikel.  Unter bestimmten Voraussetzungen und wenn tatsächlich ein (finanzieller) Schaden nachgewiesen werden kann, haften Kinder und Eltern daher auch für ausgerissene Blumen und zertrampelte Beete.

Zusätzlich besteht noch die Möglichkeit einer Besitzstörungsklage, durch die eine Unterlassung weiterer Störungen erreicht werden kann.

Kirschbaumbesteigung

Haftung des Garteneigentümers: Ein Baumeigentümer haftet bei einer Verletzung des Nachbarjungen nur dann, wenn ihn ein Verschulden trifft. Das umfasst zum Beispiel keine ausreichenden und zumutbare Absicherungen (Zaun), Eindringen der Nachbarskinder erfolgte bereits mehrmals und war bekannt etc. Hier wären aber auch eine Verletzung der Aufsichtspflicht der Eltern und die altersgemäß vorhandene Einsichtsfähigkeit des Minderjährigen zu prüfen.

„Mundraub“: Der deutsche Rechtsbegriff „Mundraub“ ist veraltet, eine derartige Rechtsnorm gibt es nicht (mehr). Jede Aneignung fremden Eigentums ist grundsätzlich als Diebstahl zu werten. Eine Einschränkung besteht auch hier durch den Tatbestand der „Entwendung“. Besonderheit ist dabei ein deutlich geringeres Strafmaß, wenn die Tat „aus Not, aus Unbesonnenheit oder zur Befriedigung eines Gelüstes“ erfolgt ist. Die Strafverfolgung bei Entwendung geschieht nur mit Zustimmung bzw. im Auftrag des Geschädigten. Im Verwandtschaftskreis ist bei derartigen Delikten keine Strafverfolgung vorgesehen.

Sogenannte Bodenerzeugnisse und Bodenbestandteile geringen Wertes (Baumfrüchte, Waldprodukte, Klaubholz…) können ohne strafrechtliche Konsequenzen angeeignet werden.

Auch Kirschen vom Nachbarbaum können daher als „Bodenerzeugnisse“ im geringen Ausmaß straffrei entwendet werden. Wurden die Kirschen tatsächlich„körbeweise“ abtransportiert, liegt aber Diebstahl vor.

Unabhängig von der strafrechtlichen Seite besteht jedoch die Möglichkeit, Schadenersatz unter den bereits beschriebenen Voraussetzungen geltend zu machen. Wie auch bei den Tulpen besteht auch hier die Möglichkeit eine Besitzstörungsklage einzubringen.

Überhängende Himbeeren

§ 422 Abs. 1 ABGB: Jeder Eigentümer kann die in seinen Grund eindringenden Wurzeln eines fremden Baumes oder einer anderen fremden Pflanze aus seinem Boden entfernen und die über seinem Luftraum hängenden Äste abschneiden oder sonst benützen.

Das heißt: Früchte, die über die Grundstücksgrenze hängen, dürfen abgeerntet werden.

Ist der Nachbar nicht an den Himbeeren interessiert, sondern stört er sich nur an den überhängenden Ästen, kann er diese gemäß § 422 Abs. 2 ABGB unter „Schonung der Substanz“ auf seine Kosten entfernen lassen.

Trotz aller rechtlichen Möglichkeiten empfehlen wir natürlich eine friedliche Einigung mit dem jeweiligen Nachbarn. Ein netter gemeinsamer Abend oder ein Stück (Kirsch-) Kuchen verbringen oft Wunder. Schlimmstenfalls kann auch eine Mediation eine für alle Seiten unangenehme gerichtliche Klärung des Streits vermeiden.

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