DAS ÖSTERREICH

Ein Bayer in Österreich oder „Wie ich auszog, um die Bürokratie kennenzulernen“ – Teil 2

Der geneigte Leser erinnert sich – 3,5 Monate gehen ins Land – der Status illegaler Ausländer droht!!!!!!!!!!!!

In meiner Naivität such ich mir die Telefonnummer der entsprechenden Stelle raus, ruf an und möchte einen Termin vereinbaren. Grad, dass ich nicht ausgelacht wurde. Termin? Als Ausländer? Bitte, das geht nicht, sie müssen kommen, Nummer ziehen und sich wie alle anderen anstellen. Mist, wär zu einfach gewesen. Also, das übliche Programm. Recherche nach Öffnungszeiten, Anfahrt und was ich brauch. Oh mein Gott, da braucht man ja 3000 Formulare und Bestätigungen. Nach ein paar Tagen der „Zettelsuche“ war ich bereit. Um 8 Uhr geht’s dort los. Also 07:45 vor Ort, das muss reichen. Das dachten sich viele, viele andere auch. Ich steh in der Schlange (damit war zu rechnen), allerdings bis weit vor das Haus auf die Straße (damit hab ich nicht gerechnet). Das wird eng, denn am vormittag ist der Besucherandrang auf 200 begrenzt (an dem einen geöffneten Nachmittag in der Woche auf 100). Ich komm zum Nummerngirl, äh -automaten. Spannung…… 187, ja, ich bin drin. Dann setz ich mich mal in den Wartesaal, ja, Saal. Es gibt Bahnhofswarteräume, die sind kleiner! Nach gut einer Stunde bin ich schon dran. Das geht ja schnell. Zum Schalter zu einer netten Dame, ich geb mein Zeug ab, sie schaut alles an, sagt mir, was ich noch kopieren muss, mach ich natürlich (1 € die Kopie, der Staat muss leben) und – gibt mir alles zurück. ?????? Was? Ah, das war die Vorprüfung, ich soll wieder warten und werde wieder aufgerufen. Ah ja, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme? Man weiß es nicht!!! Ich warte….. und komme irgendwann wieder dran. Schalter 2, nicht so netter Herr. – Kopie von der E-Card fehlt! Mein Blutdruck steigt, ich werf ihm meine E-Card auf den Tisch. – Da ist sie. Hätte mir Schalter 1 das gesagt, dann hätte ich gern einen Euro ausgegeben, um ihnen die Kopie zu geben!!!!!! Grummel, grummel, na gut, das geht dann schon…. Hier ist ihre Zahlungsanweisung. Zur Kasse, dann wieder kommen. Klare knappe Anweisungen, klar, das ist Erfahrung in der Bürokratie. An der Kasse war ich mal wieder der Einzige – lach, die Schlange hatte man nach einer halben Stunde erledigt. Zurück zum Schalter, Quittung abgeben und – genau, ich darf wieder warten und werde aufgerufen. Dann ist es soweit – ich darf in Österreich bleiben! Die Welt öffnet sich, „Yes, we can“! Ich erinnere kurz an die EU – Recht des freien Zuzugs, Recht der freien Wohnortwahl. Es gibt anscheinend EU-Staaten, die haben die Maastrichter Verträge noch nicht so ganz gelesen. Aber wenn man diese Hürde mal geschafft hat, dann fühlt man sich als halbwegs freier Mitbürger, den Migrationshintergrund lassen wir hier kurz außer Acht. Und ja, ich fühl mich wohl in Österreich. Und ich werde dableiben. Schließlich habe ich ein Papier, das sagt mir, ich darf das!!!

Seit 2015 als Leiter BildungsServiceVertrieb tätig. Als Bayer, mit einigen Stationen in ganz Deutschland, jetzt im „Ausland“ verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung im Vertrieb. Privat bleibt er wahrscheinlich noch lang ein „Bayer in Österreich“. Ausgleich für die Fachlichkeit bieten jede Menge Bücher und die Entdeckung der neuen zweiten Heimat Österreich.

1 Kommentar

  1. Markus Dechner am 1. April 2016 um 16:35

    Auch hier noch ein paar Kommentare:
    Ich habe aber auch positive Erfahrungen bei der österreichischen Bürokratie gemacht: Auto an- und abmelden geht einfacher als in Deutschland, die Steuer wird gleich mit der Versicherung eingezogen: super, egal bei welcher Bank man ist, man kann sein Geld an jedem Bankomat kostenlos abheben (((noch))). Beim AMS wurde ich (entgegen anderer Erzählungen) immer gut und freundlich behandelt. Beim Finanzamt (3. Bezirk) ist zwar immer sehr viel los, dennoch kommt man ziemlich schnell dran. Die Steuererklärung muss man nicht so schnell machen, wie in Deutschland (wenn man keine besonderen Nebeneinkünfte hat), usw.
    Nach wie vor absurd finde ich aber, dass wenn man kurzzeitig krank ist, dass man dann am Ende der Krankheit noch mal zum Hausarzt muss für einen Stempel auf der Krankschreibung, zur Bestätigung, dass man dem Arzt gesagt hat, dass man jetzt wieder gesund ist…

    Allen frisch zugezogenen Deutschen kann ich auch raten, sich möglichst bald nicht mehr an den österreichischen Begriffen (oft auch im administrativen Bereich – oder überhaupt) zu stören, inzwischen habe ich mich dran gewöhnt und finde viele Begriffe sogar schon sinnvoller als die deutschen (an ein paar typisch österreichische Worte kann man sich natürlich nie gewöhnen ;-) was aber auch o.k. ist). Das sich-wundern über die administrativen „Spezialbegriffe“ sollte man aber nicht verwechseln mit gelegentlichem Ärger über unsinnige Bürokratie.

    In diesem Sinne, es lebe die Vielfalt und man kann nur hoffen auf Verbesserungen bei zwischenstaatlichen bürokratischen Hürden.

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